Wenn von Brasiliens Regenwald die Rede ist, sind eigentlich zwei sehr unterschiedliche Wälder gemeint: der Amazonas-Regenwald im Norden, der größte tropische Wald der Erde, und die Mata Atlântica, der Küstenregenwald zwischen Nordosten und Süden. Beide sind artenreich, beide sind bedroht, und beide lassen sich auf Reisen erleben – mit sehr unterschiedlichem Aufwand.
Zwei Wälder, zwei Geschichten
Amazonas-Regenwald
Das Amazonasbecken erstreckt sich über neun Staaten Südamerikas, rund 60 Prozent des Waldes liegen in Brasilien. Auf brasilianischer Seite umfasst er große Teile der Bundesstaaten Amazonas, Pará, Acre, Rondônia, Roraima, Amapá sowie den Norden von Mato Grosso, Tocantins und Maranhão. Rückgrat des Gebiets ist der Amazonas, der in Brasilien bis Manaus Solimões heißt. Dort trifft er auf den Rio Negro: Beim sogenannten Treffen der Wasser (Encontro das Águas) fließen das dunkle, saure Wasser des Rio Negro und das lehmig-braune des Solimões kilometerweit nebeneinander her, ohne sich zu mischen. Unterschiede in Temperatur, Fließgeschwindigkeit und Schwebstoffen machen das möglich.
Der Wald ist kein einheitlicher Block. Neben dem trockenen Festlandwald (Terra firme) gibt es die Várzea, die jedes Jahr von nährstoffreichem Weißwasser überflutet wird, und den Igapó, der im Schwarzwasser der Flüsse monatelang unter Wasser steht. Im Süden geht der Regenwald in den Cerrado über, eine Baumsavanne, im Südwesten grenzt das Feuchtgebiet Pantanal an.
Mata Atlântica
Der Atlantische Regenwald zog sich ursprünglich über rund 1,3 Millionen Quadratkilometer entlang der Küste von Rio Grande do Norte bis Rio Grande do Sul und reichte weit ins Landesinnere von São Paulo, Minas Gerais und Paraná. Hier landeten die Portugiesen im Jahr 1500, hier entstanden Zuckerrohrplantagen, Kaffeefelder und die großen Städte. Übrig sind heute nur gut zwölf Prozent, verteilt auf viele kleine Inseln im Kulturland und einige größere Blöcke an den Steilhängen der Serra do Mar.
Gerade weil der Küstenwald so zerstückelt ist, gilt er als einer der wichtigsten Brennpunkte der Artenvielfalt weltweit. Viele Pflanzen und Tiere kommen nur hier vor, etwa der Goldene Löwenaffe, der im Bundesstaat Rio de Janeiro dank eines langjährigen Schutzprogramms wieder in freier Wildbahn lebt.
Klima und Böden
Im Amazonasgebiet liegt die Durchschnittstemperatur ganzjährig bei etwa 25 bis 27 Grad, die Luftfeuchte ist hoch, und je nach Region fallen 2.000 bis über 3.000 Millimeter Regen im Jahr. Statt Sommer und Winter gibt es eine Regenzeit, grob von Dezember bis Mai, und eine trockenere Zeit. Die Flusspegel schwanken dabei um viele Meter; bei Manaus liegt der Höchststand meist im Juni.
Der Wald macht einen großen Teil seines Regens selbst. Bäume geben über ihre Blätter enorme Mengen Wasserdampf ab, der als Wolkenband nach Südwesten zieht und an den Anden nach Süden abgelenkt wird. Diese „fliegenden Flüsse“ bringen Regen bis in die Landwirtschaftsregionen von Mato Grosso, São Paulo und Paraná. Fällt Wald weg, fehlt dieser Nachschub – ein Grund, warum Dürren im Süden auch mit der Entwaldung im Norden in Verbindung gebracht werden.
Überraschend für viele: Die meisten Regenwaldböden sind nährstoffarm und sauer. Die Nährstoffe stecken in der lebenden Pflanzenmasse und in einer dünnen Humusschicht, die Pilze und Bakterien schnell umsetzen. Wird gerodet, spült der Regen die Nährstoffe in wenigen Jahren aus. Deshalb verlieren Weiden und Äcker auf früherem Waldland rasch an Ertrag. Eine Ausnahme ist die Terra preta, dunkle, fruchtbare Erde, die indigene Gemeinschaften über Jahrhunderte mit Holzkohle, Tonscherben und Abfällen angereichert haben.
Artenvielfalt
Kein Land beherbergt mehr bekannte Pflanzen- und Tierarten als Brasilien, und ein Großteil davon lebt in den beiden Regenwäldern. Jedes Jahr beschreiben Forschende neue Arten, von Fröschen über Fische bis zu Primaten. Einige Bewohner, die Reisende mit etwas Glück zu sehen bekommen:
- Jaguar: die größte Katze Amerikas, im Wald scheu, in Flussnähe und im Pantanal eher zu beobachten.
- Amazonas-Flussdelfin (Boto): rosafarben, lebt in Flüssen und überfluteten Wäldern und ist bei Bootsfahrten ab Manaus oft zu sehen.
- Harpyie: einer der kräftigsten Greifvögel der Welt, jagt Faultiere und Affen in den Baumkronen.
- Faultiere: Zwei- und Dreifinger-Faultiere, gut getarnt in den oberen Stockwerken des Waldes.
- Arapaima (Pirarucu): einer der größten Süßwasserfische, heute in vielen Gemeinden nachhaltig befischt.
Auch Pflanzen spielen eine wirtschaftliche Rolle: Paranüsse, Açaí-Beeren, Kautschuk und Guaraná stammen aus dem Amazonasgebiet. Ihre Ernte im intakten Wald ist für viele Gemeinden eine Einnahmequelle, die ohne Rodung auskommt.
Bedrohung durch Entwaldung
Brasilien misst die Rodung im Amazonasgebiet seit 1988 per Satellit. Das Programm PRODES des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE) veröffentlicht jährliche Werte, das Echtzeitsystem DETER liefert Warnmeldungen an die Umweltbehörde IBAMA. Den höchsten Wert der jüngeren Vergangenheit erreichte die Entwaldung 2004 mit über 27.000 Quadratkilometern in einem Jahr. Danach sank sie durch Kontrollen, Schutzgebiete und Kreditauflagen deutlich, stieg zwischenzeitlich wieder an und ging in den letzten Jahren erneut spürbar zurück.
Die wichtigsten Treiber:
- Rinderweiden: der größte Teil gerodeter Flächen wird zu Weideland.
- Soja und Mais: vor allem am Südrand, im Übergang zum Cerrado.
- Illegaler Holzeinschlag: öffnet den Wald oft als erster Schritt für spätere Rodung.
- Goldsuche (Garimpo): vergiftet Flüsse mit Quecksilber, besonders in indigenen Gebieten wie dem der Yanomami.
- Straßen und Brände: neue Pisten ziehen Siedler nach, Feuer greifen in Dürrejahren auf geschädigten Wald über.
Schutz und indigene Gebiete
Knapp die Hälfte des brasilianischen Amazonasgebiets steht unter irgendeiner Form von Schutz: Nationalparks, nachhaltig genutzte Reservate und anerkannte indigene Territorien. Satellitendaten zeigen seit Jahren, dass die Entwaldung in indigenen Gebieten deutlich geringer ist als in ihrer Umgebung. Die Rechte der Bewohner zu sichern, gilt deshalb als einer der wirksamsten Wege, den Wald zu erhalten.
Hinzu kommen internationale Finanzierung wie der Amazonienfonds, an dem sich Norwegen und Deutschland beteiligen, sowie Lieferkettenregeln großer Abnehmermärkte. 2025 war Belém, die Hauptstadt von Pará, Gastgeberin der Weltklimakonferenz COP30 und rückte den Wald damit in den Mittelpunkt der internationalen Klimapolitik.
Den Regenwald bereisen
Amazonasgebiet
Wichtigster Ausgangspunkt ist Manaus, erreichbar per Inlandsflug etwa aus São Paulo, Brasília oder Rio. Von dort führen Tagestouren zum Treffen der Wasser und zu Lodges am Rio Negro. Lohnende Ziele in der Region:
- Anavilhanas: Nationalpark mit einem der größten Flussarchipele der Welt im Rio Negro, gut von Novo Airão aus erreichbar.
- Reservat Mamirauá: bei Tefé, Überschwemmungswald mit Gemeinde-Tourismus und Chancen auf Uakari-Affen.
- Belém und Umgebung: Mündungsgebiet mit Markthalle Ver-o-Peso und Ausflügen zur Insel Marajó.
Mata Atlântica
Den Küstenregenwald erreicht man oft ohne Inlandsflug. Der Nationalpark Tijuca liegt mitten in Rio de Janeiro; durch ihn führt auch die Zahnradbahn zum Corcovado. Der Nationalpark Itatiaia zwischen Rio und São Paulo wurde 1937 als erster Nationalpark Brasiliens gegründet und bietet Wanderwege bis in Höhen über 2.700 Meter. Weitere Ziele sind die Serra dos Órgãos bei Petrópolis und die Regenwaldküste um Paraty und Ubatuba.
Häufige Fragen
Wie viel des Amazonas-Regenwalds liegt in Brasilien?
Rund 60 Prozent. Die übrigen Anteile verteilen sich auf Peru, Kolumbien, Bolivien, Venezuela, Ecuador, Guyana, Suriname und Französisch-Guayana.
Was ist der Unterschied zwischen Amazonas-Regenwald und Mata Atlântica?
Der Amazonas-Regenwald ist ein riesiges, zusammenhängendes Tieflandgebiet im Norden. Die Mata Atlântica ist ein Küstenwald im Osten und Süden, von dem nur noch gut zwölf Prozent erhalten sind, der aber besonders viele nur dort vorkommende Arten beherbergt.
Wann ist die beste Reisezeit für das Amazonasgebiet?
Beide Jahreszeiten haben Vorteile: Bei Hochwasser lassen sich überflutete Wälder mit dem Kanu befahren, bei Niedrigwasser sind Wanderwege und Sandstrände zugänglich und Tiere an den Ufern leichter zu sehen.
Warum sind Regenwaldböden so unfruchtbar?
Die Nährstoffe stecken in der Pflanzenmasse, nicht im Boden. Nach einer Rodung spült der starke Regen die wenigen verbliebenen Nährstoffe schnell aus.






