Brasiliens Geschichte reicht weit vor die Ankunft der Portugiesen zurück und führt über drei Jahrhunderte Kolonialherrschaft, ein Kaiserreich und mehrere Republiken bis zur heutigen Demokratie. Viele Dinge, die Reisende heute sehen – die Barockkirchen in Minas Gerais, die afrobrasilianische Kultur in Salvador, die Planstadt Brasília – lassen sich nur aus dieser Geschichte heraus verstehen.
Vor der Ankunft der Europäer
Menschen leben seit mindestens 10.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Brasilien; Felsmalereien im Nationalpark Serra da Capivara im Bundesstaat Piauí gehören zu den ältesten Zeugnissen Amerikas. Um 1500 lebten hier nach Schätzungen einige Millionen Menschen in Hunderten Völkern. Große Staaten wie das Inka-Reich in den Anden gab es auf brasilianischem Boden nicht.
An der Küste dominierten Tupi-sprachige Gruppen wie Tupinambá und Tupiniquim, die Maniok anbauten und in Dörfern mit großen Langhäusern lebten. Im Amazonasgebiet entstanden komplexe Gesellschaften: Die Marajoara-Kultur auf der Insel Marajó errichtete Erdhügel für Siedlungen und Bestattungen und hinterließ kunstvoll bemalte Keramik. Viele Wörter aus den Tupi-Sprachen stecken bis heute im brasilianischen Portugiesisch, etwa in Ortsnamen wie Ipanema, Itaparica oder Paraná.
Entdeckung und Aufteilung (1494–1549)
Schon bevor ein Portugiese das Land betrat, war es auf dem Papier vergeben. Im Vertrag von Tordesillas teilten Spanien und Portugal 1494 die außereuropäische Welt entlang einer Linie 370 Meilen westlich der Kapverden. Alles östlich davon gehörte Portugal – und damit ein Streifen der südamerikanischen Ostküste.
Am 22. April 1500 landete die Flotte von Pedro Álvares Cabral auf dem Weg nach Indien an der Küste des heutigen Bahia, beim heutigen Porto Seguro. Zunächst interessierte sich die Krone kaum für das neue Land. Wirtschaftlich zählte vor allem das Brasilholz (pau-brasil), aus dem sich roter Farbstoff für Textilien gewinnen ließ und dem das Land seinen Namen verdankt.
Um die Küste gegen französische Händler zu sichern, teilte König João III. das Gebiet ab 1534 in Erbkapitanien auf: breite Küstenstreifen, die an Adlige vergeben wurden, die auf eigene Kosten Siedlungen gründen sollten. Die meisten scheiterten. 1549 schickte die Krone deshalb mit Tomé de Sousa einen Generalgouverneur und machte Salvador da Bahia zur ersten Hauptstadt. Mit ihm kamen die ersten Jesuiten, die Missionsdörfer gründeten.
Zucker, Sklaverei und Widerstand
Im 16. und 17. Jahrhundert wurde der Nordosten, vor allem Pernambuco und Bahia, zum größten Zuckerproduzenten der Welt. Die Arbeit auf den Plantagen und in den Zuckermühlen (engenhos) leisteten zuerst versklavte Indigene, von denen viele an eingeschleppten Krankheiten starben. Bald setzten die Kolonisten fast nur noch Menschen ein, die aus Afrika verschleppt wurden.
Brasilien wurde zum größten Ziel des transatlantischen Sklavenhandels: Rund 4,8 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner kamen lebend an, vor allem aus dem Gebiet des heutigen Angola, aus Kongo und von der Bucht von Benin. Ihr Erbe prägt die brasilianische Kultur tief, von der Religion Candomblé über die Capoeira bis zur Küche Bahias.
Wer fliehen konnte, schloss sich Quilombos an, Siedlungen entflohener Sklaven. Der bekannteste war Palmares im Hinterland von Alagoas, der über Jahrzehnte Zehntausende Menschen aufnahm und mehrere Feldzüge abwehrte. Sein Anführer Zumbi wurde am 20. November 1695 getötet; der Tag ist heute als Tag des Schwarzen Bewusstseins ein nationaler Feiertag.
Von 1630 bis 1654 kontrollierte die Niederländische Westindien-Kompanie weite Teile des Nordostens mit Recife als Zentrum. Unter dem Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen entstanden Brücken, Paläste und naturkundliche Studien, bis portugiesisch-brasilianische Truppen die Niederländer vertrieben.
Gold, Diamanten und eine neue Hauptstadt
In den 1690er-Jahren fanden Bandeirantes, Expeditionstrupps aus São Paulo, Gold im Bergland des heutigen Minas Gerais. Es folgte der größte Goldrausch der Kolonialzeit. Städte wie Vila Rica (heute Ouro Preto), Mariana, Sabará und São João del-Rei wuchsen rasch, später kamen die Diamantenfunde um Diamantina hinzu. Aus dem Reichtum entstanden die Barockkirchen, die heute zum Welterbe gehören, viele mit Werken des Bildhauers Aleijadinho.
Weil das Gold über die Häfen im Süden verschifft wurde, verlagerte sich das Gewicht der Kolonie: 1763 wurde Rio de Janeiro Hauptstadt. Die hohen Abgaben an Lissabon sorgten für Unmut. 1789 plante eine Gruppe um den Fähnrich Joaquim José da Silva Xavier, genannt Tiradentes, in Minas Gerais einen Aufstand nach dem Vorbild der amerikanischen Unabhängigkeit. Die Verschwörung (Inconfidência Mineira) wurde verraten, Tiradentes am 21. April 1792 in Rio hingerichtet. Heute gilt er als Nationalheld, sein Todestag ist Feiertag.
Königshof, Unabhängigkeit und Kaiserreich
Als Napoleons Truppen 1807 in Portugal einmarschierten, floh der portugiesische Hof unter britischem Schutz nach Brasilien und ließ sich 1808 in Rio de Janeiro nieder. Die Stadt wurde Sitz eines Weltreichs: Häfen öffneten sich für den Handel, Druckereien, eine Nationalbibliothek und der Botanische Garten entstanden. 1815 wurde Brasilien zum gleichberechtigten Königreich neben Portugal erhoben.
Nach der Rückkehr König João VI. nach Lissabon blieb sein Sohn Pedro als Regent zurück. Als die portugiesischen Cortes Brasilien wieder zur Kolonie herabstufen wollten, erklärte er am 7. September 1822 am Ipiranga-Bach bei São Paulo die Unabhängigkeit und wurde im Dezember als Pedro I. zum Kaiser gekrönt. Brasilien blieb damit, anders als seine spanischsprachigen Nachbarn, eine Monarchie und zerfiel nicht in mehrere Staaten. Die Provinz Cisplatina ging allerdings 1828 als unabhängiges Uruguay verloren.
1831 dankte Pedro I. ab. Für seinen minderjährigen Sohn regierten Regenten, bis Pedro II. 1840 vorzeitig für volljährig erklärt wurde. Seine fast 50-jährige Regierung brachte Eisenbahnen, Telegrafen und den Aufstieg des Kaffees im Paraíba-Tal und in São Paulo. Im Paraguay-Krieg von 1864 bis 1870 kämpfte Brasilien mit Argentinien und Uruguay gegen Paraguay, ein Krieg mit enormen Verlusten vor allem auf paraguayischer Seite.
Die Sklaverei wurde schrittweise beendet: 1850 das Ende des Sklavenhandels, 1871 das Gesetz des freien Bauches für Neugeborene, schließlich am 13. Mai 1888 die Lei Áurea, unterzeichnet von Prinzessin Isabel. Brasilien war das letzte Land Amerikas, das die Sklaverei abschaffte. Ein Jahr später, am 15. November 1889, stürzte das Militär die Monarchie und rief die Republik aus.
Republik, Vargas-Ära und Militärdiktatur
Die erste Republik wurde von den Oligarchien der Kaffeestaaten São Paulo und Minas Gerais bestimmt, die sich die Präsidentschaft teilten („Café com leite“). Gleichzeitig kamen Millionen Einwanderer aus Italien, Portugal, Spanien, Deutschland und Japan ins Land, vor allem in den Süden und nach São Paulo. Im Ersten Weltkrieg trat Brasilien 1917 auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein.
1930 kam Getúlio Vargas durch eine Revolution an die Macht. Ab 1937 regierte er im Estado Novo autoritär, führte zugleich Arbeitsgesetze, Mindestlohn und staatliche Industrie ein, darunter das Stahlwerk Volta Redonda. Im Zweiten Weltkrieg kämpften brasilianische Soldaten ab 1944 in Italien. 1945 wurde Vargas gestürzt, 1951 wiedergewählt und nahm sich 1954 im Präsidentenpalast das Leben.
Präsident Juscelino Kubitschek ließ ab 1956 im Hochland die neue Hauptstadt Brasília bauen, entworfen von Lúcio Costa und Oscar Niemeyer; eingeweiht wurde sie am 21. April 1960. Politische Spannungen und Wirtschaftskrise führten 1964 zu einem Militärputsch. Die Diktatur dauerte bis 1985, verfolgte Oppositionelle, zensierte Presse und Musik und finanzierte zugleich Großprojekte wie die Transamazônica.
Die Demokratie seit 1985
1985 übernahm wieder ein ziviler Präsident, 1988 trat die bis heute gültige Verfassung in Kraft. Die ersten Jahre waren von Hyperinflation geprägt. Erst der Plano Real von 1994 mit der neuen Währung Real stabilisierte die Preise; Fernando Henrique Cardoso wurde auf dieser Grundlage Präsident.
Unter Luiz Inácio Lula da Silva (2003–2010) senkten Sozialprogramme wie Bolsa Família die Armut deutlich, Brasilien wuchs zur großen Volkswirtschaft und richtete 2014 die Fußball-WM und 2016 die Olympischen Spiele in Rio aus. Es folgten eine schwere Rezession, Korruptionsermittlungen und 2016 die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff. Nach der Amtszeit von Jair Bolsonaro (2019–2022) kehrte Lula 2023 ins Präsidentenamt zurück. Eine Woche nach seiner Amtseinführung stürmten Anhänger Bolsonaros am 8. Januar 2023 Kongress, Regierungspalast und Obersten Gerichtshof in Brasília.
Häufige Fragen
Wann wurde Brasilien unabhängig?
Am 7. September 1822. Pedro, Sohn des portugiesischen Königs, erklärte die Unabhängigkeit und wurde als Pedro I. Kaiser.
Warum spricht man in Brasilien Portugiesisch?
Der Vertrag von Tordesillas sprach Portugal 1494 den östlichen Teil Südamerikas zu. Brasilien war über 300 Jahre portugiesische Kolonie.
Welche Städte waren Hauptstadt Brasiliens?
Salvador (1549–1763), Rio de Janeiro (1763–1960) und seit 1960 Brasília.
Wann wurde die Sklaverei abgeschafft?
Am 13. Mai 1888 mit der Lei Áurea. Brasilien war das letzte Land Amerikas, das die Sklaverei beendete.






